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Kontrolle im Straßenverkehr, Kontrolle im Büro. Je höher unser Selbstwertgefühl, desto mehr können wir Kontrolle abgeben. Warum uns trotzdem manchmal eine Sicherung durchbrennt, berichtet Denis Mourlane…


Alltäglich auf deutschen Autobahnen passiert es, dieses Szenario. Ein Auto kommt auf der linken Spur mit sehr hoher Geschwindigkeit angerast. Der Fahrer muss seine Geschwindigkeit von 200 auf 120 km/h drosseln, weil vor ihm ein Auto auf seine Spur gewechselt ist und einen Lastwagen überholen will.

Wir nehmen in dem Fall an, dass der Fahrer, der mit 120 überholt, alle Verkehrsregeln eingehalten hat, also zum Beispiel rechtzeitig den Blinker gesetzt hat und den Sicherheitsabstand wahrt. Sehr häufig kann man nun beobachten, dass sich die Person, die abbremsen muss, wahnsinnig aufregt.

Sie wird sich sehr stark ärgern, weil aus ihrer Sicht gerade ihre Rechte bzw. Grundbedürfnisse verletzt werden: das Bedürfnis nach

  • Kontrolle (≫Ich entscheide, wann ich bremse und lasse es mir nicht von jemand anderem diktieren≪) und/oder nach
  • Selbstwert-Erhöhung und -schutz (≫Der andere Autofahrer respektiert mich nicht≪). Es kann aber auch das Bedürfnis nach
  • Lustgewinn sein (≫Och, jetzt wollte ich mal richtig schön schnell fahren und Spaß dabei haben≪).

Ganz unabhängig vom verletzten Grundbedürfnis betrachtet die Person also, überspitzt ausgedrückt, die Fahrbahn als ihre ganz persönliche, die quasi niemand sonst frei benutzen darf. Dass dies vollkommener Blödsinn ist und somit auch die dazugehörige Emotion, der Ärger, braucht man an dieser Stelle nicht zu betonen. Die Tatsache, dass sich trotzdem so viele Menschen darüber aufregen, sagt, wie ich finde, doch so einiges über unsere Gesellschaft (ja, es ist auch Ihre) und über einige der in dieser Gesellschaft gelebten Werte aus.

Reaktion in bestimmten Situationen

Sie können diese emotional unreifen Reaktionen übrigens auch bei gebildeten und häufig erst einmal reif wirkenden Menschen beobachten. Nehmen Sie einen Jürgen Klopp und seine Wutausbruche am Spielfeldrand während Fußballspielen. Viele mögen diese Emotionalität toll finden, aber man kann es ganz bestimmt keine emotional reife Reaktion nennen. Es wirkt eher etwas kindisch und überzogen.

Sollten Sie dies anders sehen, achten Sie mal auf Jürgen Klopps Reaktion, wenn er mit diesen Bildern nach einem Spiel während eines Interviews konfrontiert wird. Es ist ihm oft peinlich und er scheint sich insgeheim zu wünschen, anders reagiert zu haben. Oder, um es noch deutlicher zu machen.

Emotionen, manchmal übertrieben“

Was würden Sie zu Ihrem Sohn sagen, wenn Sie während seiner Fußballspiele vergleichbare Wutausbrüche, die ihm schon einige gelbe und rote Karten eingetragen haben, beobachten würden? Ist nicht auch Jürgen Klopp schon mehrmals des Platzes verwiesen worden und hat damit seiner Mannschaft geschadet?

Für übertriebene Emotionen gibt es unzählige Beispiele. Wer hat nicht schon einmal Schuldgefühle gegenüber einer anderen Person gehabt, um später in einem Gespräch festzustellen, dass diese gar nicht der Meinung ist, ihre Rechte seien verletzt worden? Und wer war nicht schon einmal sehr frustriert, weil er das Gefühl hatte, nicht genügend Ressourcen zu haben, um ein Problem zu lösen, und hat es dann plötzlich doch aus eigener Kraft geschafft?

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Sechs-Kreise-Modell (Grafik: Denis Mourlane)
Sechs-Kreise-Modell (Grafik: Denis Mourlane)

Zur Erläuterung des Sechs-Kreise-Modells habe ich bisher nur Beispiele aus dem Bereich der negativen Emotionen herangezogen. Natürlich gilt das aber auch für positive Emotionen.

So kann beispielsweise jemand nach einer gerade vollbrachten Leistung wahnsinnig stolz sein und ein an Größenwahn grenzendes Gefühl empfinden, während hundert andere das Ereignis als gut, aber vielleicht nicht so gut einschätzen wurden, wie es die Person selbst tut.

Der Begriff (Größen-)Wahn kommt da also nicht von ungefähr. Ebenso trifft man aber auch immer wieder Menschen, die ganz Großartiges vollbringen, sich eigentlich sehr darüber freuen könnten, es aber nicht tun bzw. deutlich weniger tun, als es die anderen erwarten würden. Auch in diesen beiden Fällen spreche ich von einer emotional unreifen bzw. einer emotional inakkuraten Reaktion.

Beide Personen tragen etwas in sich, das sie daran hindert, so zu reagieren, wie es angemessen erscheint. Es sei an dieser Stelle betont, dass ich mir nicht anmaßen möchte, in jedem Fall beurteilen zu können, was nun eine emotional reife bzw. unreife Emotion und somit auch Reaktion ist.

Manchmal erscheint es ganz offensichtlich und in wiederum anderen Fällen ist es gar nicht so einfach zu unterscheiden. Dazu existieren einfach zu viele Graustufen zwischen den von mir geschilderten Extremen. Ebenso gibt es weltweit sehr große kulturelle Unterschiede und diese drücken sich eben auch in der Art, wie wir emotional reagieren, aus. Menschen aus dem nördlichen Europa tragen ihren Ärger oder ihre Freude ganz anders vor sich her, wenn überhaupt, als dies Menschen aus dem südlichen Europa tun.

Auszug aus: Denis Mourlane, „Emotional Leading: Die Kunst sich und andere richtig zu führen“, © 2015 dtv Verlagsgesellschaft, München.

Artikelbild: ArtFamily/ Shutterstock

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