Nicht alles glauben, was man fühlt! Über die Kunst, sich selbst besser zu verstehen – um so noch ein besserer Chef zu werden, schreibt Denis Mourlane in seinem Buch „Emotional Leading“. Wir starten dazu eine Serie…

Sie sind auf eine Party bei dem Freund einer Freundin eingeladen. Es ist zwei Uhr morgens, die Party ist in vollem Gange, alle, auch Sie, haben deutlich zu viel getrunken. Plötzlich fällt Ihnen ein Zweihunderteuroschein auf, der auf einem kleinen Tischchen liegt. Sie schauen sich kurz um, niemand blickt in Ihre Richtung, Sie stecken den Schein reflexartig ein und feiern weiter, bis Sie schließlich um vier Uhr morgens nach Hause gehen.

Besser gesagt, nach Hause torkeln. Am nächsten Tag, es ist ein Sonntag, stehen Sie erst gegen elf Uhr auf. Ihr Partner ist mit den Kindern bei den Großeltern. Sie ziehen Ihre Jeans vom Vorabend und ein frisches T-Shirt an, machen sich erst einmal einen Kaffee und lösen eine Kopfschmerztablette in einem Glas Wasser auf. So wild haben Sie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr gefeiert. Während Sie darauf warten, dass der Kaffee fertig ist, vergraben Sie Ihre Hände in den Hosentaschen. Ihnen ist ein wenig kalt. Sie spüren in der rechten Tasche etwas, das sich wie ein zerknülltes Stück Papier anfühlt.

Für Papier ist es aber zu dick und zu fest. Sie ziehen es aus Ihrer Hosentasche und haben zu Ihrem Erstaunen einen Zweihunderteuroschein in der Hand. Plötzlich fällt Ihnen wieder ein, dass Sie diesen gestern in einem ziemlich alkoholisierten Zustand einfach eingesteckt haben. Das Gefühl, das Sie empfinden, ist aber nicht Freude (≫Es passiert etwas Gutes≪). Nein, Sie schämen sich und haben Schuldgefühle. Warum?

Bedürfnis nach Bindung

Weil Sie nicht nur Ihre eigenen Werte verletzt haben (Scham) und somit wahrscheinlich Ihr Bedürfnis nach Kohärenz und Stimmigkeit, sondern auch die Rechte eines anderen Menschen (Schuld) und somit wahrscheinlich Ihr Bedürfnis nach Bindung. Ihnen droht der Ausschluss aus einer Gemeinschaft, wenn dies herauskommt. Entsprechend werden Sie wahrscheinlich sofort anfangen zu überlegen, was Sie nun tun können, um wieder Kohärenz herzustellen. Sollen Sie Ihre Tat, in der Hoffnung, dass Sie niemand gesehen hat, verschweigen?

Dann bleiben aber die Scham- und Schuldgefühle. Oder sollen Sie den Bekannten, der die Party organisiert hat, sofort anrufen und ihm gestehen, dass Ihnen in betrunkenem Zustand ein Missgeschick passiert ist, und sich dafür entschuldigen? Aber dann droht die Gefahr, dass dieser es allen erzählt (das wird er ganz bestimmt tun), was wiederum zu Peinlichkeit (verlorenes Standing) fuhren wurde. Eine ziemlich blöde Situation, in die Sie sich da gebracht haben.

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„Emotional Leading: Die Kunst sich und andere richtig zu führen“ – Buch kaufen

Vielleicht wäre es ja die beste Lösung, das Geld einfach anonym zurückzusenden. Dieses Beispiel (eines von vielen möglichen) veranschaulicht, wie wichtig Emotionen für uns Menschen sind. Dass Scham- und Schuldgefühle in dieser Situation aufkommen, empfindet wahrscheinlich die Mehrzahl der Leser dieses Buchs als vollkommen normal. Man stiehlt anderen Menschen kein Geld und ganz besonders dann nicht, wenn es Freunde von Freunden sind. Die Emotion zeigt uns dies und wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir dies in Zukunft erneut tun, drastisch verringern bzw. die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass wir das Geschehene rückgängig machen.

Die dabei empfundene Emotion folgt natürlich erlernten gesellschaftlichen und ethischen Normen. Entsprechend hat die Mehrzahl der Menschen im Laufe ihrer Sozialisation eben gelernt, dass ≫man so etwas nicht tut≪ und empfindet Scham- und Schuldgefühle, wenn sie dagegen verstößt. Ein Kind oder Jugendlicher, das bzw. der in einem stark kriminellen Umfeld aufwächst, in dem vor allem derjenige etwas wert ist und dazugehört, der besonders geschickt andere bestiehlt oder betrügt, wird solche Scham- und Schuldgefühle wahrscheinlich gar nicht oder deutlich weniger stark empfinden.

Oder er beruhigt sich nach einer solchen Tat mit mentalen Strategien, indem er sich zum Beispiel sagt, ≫dass der andere doch genug Geld hat≪ oder ≫dass er halt aufpassen muss, wo er sein Geld liegen lässt. Selbst schuld! Wieso bringt er mich eigentlich in eine solche Versuchung!≪. Er wird vielleicht sogar Stolz empfinden und Respekt erfahren, weil er nach Meinung der Gemeinschaft, zu der er sich zugehörig fühlt, eine tolle Leistung erbracht hat und deshalb ein gestiegenes Ansehen genießt. Und genau dieses Beispiel zeigt, dass Sie nicht alles glauben sollen, was Sie fühlen!

Auszug aus: Denis Mourlane, „Emotional Leading: Die Kunst sich und andere richtig zu führen“, © 2015 dtv Verlagsgesellschaft, München.

Artikelbild: g-stockstudio/ Shutterstock

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