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Shanghai, Mumbai, New York. Viele Führungskräfte zieht es in die Ferne – um Erfahrungen zu sammeln, sich zusätzliche Fähigkeiten anzueignen und somit ihren „Marktwert“ zu erhöhen. Was tun, wenn der Auslandsvertrag endet? Wir haben mit Karrierecoach Maike Dietz gesprochen….

Die meisten erhoffen sich von einem Auslandseinsatz einen gewaltigen Karriereschub, doch die Realität sieht oft anders aus: Um nach Deutschland zurückzukehren, fehlen häufig adäquate Positionen. Was passiert, wenn der Auslandsvertrag endet?

Karriere-Einsichten: In den meisten Fällen wird ein Auslandsaufenthalt akribisch geplant – weshalb kommt mit der Heimkehr auch oft die Ernüchterung bei Führungskräften?

Maike Dietz: Nur zum Teil werden Auslandsaufenthalte optimal vorbereitet. In der Regel kümmern sich Unternehmen gut um rechtliche Komponenten wie Visum, Arbeitserlaubnis und Sozialversicherung. Auch auf interkulturelle Eigenheiten und Gebräuche wird mittlerweile verstärkt Wert gelegt; beispielsweise erhalten Expatriats Seminare oder Schulungen, in denen sie sich mit den wichtigsten Regeln und Sitten des Gastlandes auseinandersetzen und dessen Gepflogenheiten kennen lernen. Aber ein entscheidender Aspekt wird meist außer Acht gelassen.

Karriere-Einsichten: Welcher wäre das?

Maike Dietz: Im Vergleich zu früher sind „Rückkehrvereinbarungen“ immer weniger Usus in deutschen Unternehmen – lediglich Konzerne stellen diese noch aus. Im Mittelstand sind sie kaum verbreitet.

Karriere-Einsichten: Weshalb?

Maike Dietz: Die Unternehmen sind froh, die dringlichen Themen im Ausland mit der Entsendung zu lösen. An Rückkehr wird nicht gedacht, das Prinzip Hoffnung überwiegt. Das mag überraschen, aber auch große Unternehmen haben oft keine ausgefeilten Nachfolgeplanungen. Bei den Mittelständlern kommt hinzu, dass sie weniger adäquate Positionen in Deutschland zur Verfügung haben.

Karriere-Einsichten: Welche Schritte sollten vor der Entsendung in jedem Fall geklärt sein?

Maike Dietz: Es ist immens wichtig, die späteren Karriereschritte festzulegen. Häufig ist bei der Rückkehr keine adäquate Position verfügbar und der Expat muss einen Rückschritt auf der Karriereleiter in Kauf nehmen. Falls im eigenen Unternehmen keine weiteren Möglichkeiten bestehen, kann sich der Arbeitgeber ggf. auch bei befreundeten Unternehmen für den Rückkehrer einsetzen.

„Bereits früh die Fühler ausstrecken“

Die entsendete Führungskraft sollte seine Fühler ebenfalls breiter ausstrecken. Trotzdem kann heutzutage kein Arbeitgeber garantieren, was in ein paar Jahren sein wird. Fusionen, Übernahmen etc. sind an der Tagesordnung. Wenn aber beide Parteien sich dessen bewusst sind, offen und aufrichtig kommunizieren und wirklich ihr Bestes geben, kann alles gut funktionieren.

„Bestes geben“

Große Probleme entstehen nur durch unterschiedliche Erwartungshaltungen. Das Ergebnis: Viele wechseln nach ihrer Rückkehr den Arbeitgeber oder resignieren innerlich. Dem Karriere-Höheflug folgt die unsanfte Landung.

Karriere-Einsichten: Kennen Sie konkrete Fälle?

Maike Dietz: Ja, leider viele. Einige kommen zurück und übernehmen eine Stabsfunktion, die manchmal auch extra geschaffen wird, um denjenigen überhaupt unterzubringen. Ein enormer Rückschritt, denn die meisten waren im Ausland für Hunderte von Mitarbeitern verantwortlich und sind es gewohnt, Gestaltungsfreiräume zu haben. Sie fühlen sich unter ihren Möglichkeiten eingesetzt und damit auch für ihre Erfolge im Ausland nicht richtig wertgeschätzt.

Karriere-Einsichten: Gibt es weitere Gründe, weshalb der Wechsel in ein ausländisches Unternehmen mehr Probleme bringt, als die meisten es sich vorstellen?

Maike Dietz: Wer zu lange im Ausland war, hat sich meist zu weit von den Themen in Deutschland entfernt; beispielsweise ist der Führungsstil im Ausland ein anderer – von Routinen, konträren Sicht- und Arbeitsweisen ganz zu schweigen. Meine Erfahrung ist, dass Führungskräfte, die länger als sechs oder sieben Jahre im Ausland waren, häufig große Probleme haben, sich am heimischen Schreibtisch wieder einzuleben.

Karriere-Einsichten: Wie können Führungskräfte dem vorbeugen – außer nicht zu lange im Ausland zu bleiben?

Maike Dietz: Wichtig ist, den Kontakt nach Deutschland intensiv zu pflegen und weiterhin mit Kollegen, Vorgesetzten und ggf. Geschäftspartnern in stetem Austausch zu bleiben – die Verbindung darf nicht abreißen. Außerdem ist es gut, sich mit Themen einzubringen, soweit das möglich ist, z.B. in Arbeitskreisen oder Gremien. Genau im Blick zu haben, was in Deutschland passiert, wo liegen beispielsweise die Unterschiede.

„Kontakt in die Heimat pflegen“

Darüber zu berichten, ist für deutsche Kollegen und Vorgesetzte interessant, und man selbst nimmt an den Entwicklungen im Heimatland teil und zeigt dies auch. Je nach Position kann es zudem sinnvoll sein, zu pendeln bzw. regelmäßig für einige Wochen zurück zu kommen. Auch die Rückkehrplanung sollte immer wieder besprochen und nicht bis zum letzten Tag „totgeschwiegen“ werden. Wer hingegen im Ausland bleiben und Karriere machen möchte, für den ist das ohne Wenn und Aber ein perfekter Schritt – sofern er mit realistischen Erwartungen verknüpft ist.

Maike Dietz ist Karrierecoach und Personalberaterin – sie kennt Karrieren von beiden Seiten des Schreibtischs. Seit über 17 Jahren besetzt sie Top-Positionen für namhafte Unternehmen. Als Coach gibt sie ihr Wissen an Führungskräfte weiter…

Artikelbild: NicoElNino/ Shutterstock

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