Jeder Star hat ihn, Hinz und Kunz aus Pusemuckel vielleicht bald auch: einen Ghostwriter. Versprochen werden dir individuelle Bewerbungen vom Profi. Das spart viel Zeit und Arbeit. Karriereberater schimpfen über diese fremdgeschriebenen Bewerbungen. Wann schadet dieser Service dem Bewerber, wo ist er doch nützlich? Gedanken einer Bewerberin. Von Leonie Schultenheim…

Wo liegen wirklich die Probleme mit der Bewerbung, dass es mittlerweile Services gibt, die anbieten diese gegen Bezahlung zu schreiben? Zum einen wäre da das Problem mit der Zeit. Wir leben nicht nur, um Bewerbungen zu schreiben. Das Studium, die Ausbildung, der Haushalt, der jetzige Beruf – Vieles hält uns dabei auf, uns ausgiebig mit der Bewerbung zu befassen.

Empfohlen wird schließlich ordentlich zu recherchieren, damit die Bewerbung überhaupt eine Chance hat. Recherchiert wird unter anderem nach gemeinsamen Werten mit dem Unternehmen, die geschickt in das Anschreiben eingearbeitet werden und danach wie der Personalentscheider tickt.

Ausgangsituation: Die Bewerbung

Zur Formulierung des Anschreibens. Wie gut muss mein Anschreiben wirklich sein? Geht es wirklich um die „perfekte Bewerbung“? Nicht alle Bewerber sind begnadete Schreiber. Einige haben schon lange vergessen, wie das mit der Bewerbung nochmal ging. Auch ist es vielen unangenehm, sich selbst zu verkaufen. Dass sich Bewerber unter Wert verkaufen, kann an meiner eigenen Erfahrung bestätigen.

„Vermarkte dich selbst, aber wie?“

Natürlich ist das Selbstmarketing gerade im Vorstellungsgespräch ein noch größeres Problem, welches sich selbst durch eine wirklich gut geschriebene Bewerbung nicht lösen lässt. Wäre also ein komplettes Coaching an dieser Stelle angebracht?

Und zu guter Letzt: Uns überfordert die wahnsinnige Informationsflut im Internet dazu, was unsere Bewerbung wirklich erfolgreich macht. Quadratische Mappen, das perfekte Bewerbungsfoto, ein tolles Design – es gibt viele Tipps zu Form, Farbe und Inhalt. Alles zu verinnerlichen macht uns zu Bewerbungsexperten – meistens ist das jedoch gar nicht unser Job. Warum muss ich erst ein Bewerbungsexperte werden, um an einen Job zu kommen, der damit rein gar nichts zu tun hat? Muss ich das überhaupt?

Was sagen Karriereberater?

Diese möchten einen natürlich gerne coachen – welchen Karriereweg schlage ich ein? Was sind meine Stärken und Schwächen? Wie und wo bewerbe ich mich? Sich über die Kosten einer geschriebenen Bewerbung zu beschweren würden Karriereberater nicht wagen, denn die Kosten für ihren Service sind um ein vielfaches höher.

Hier wird einem jedoch etwas ganz anderes angeboten, als eine geschriebene Bewerbung. Es wird auch nicht die eigene Eloquenz trainiert oder intensives Schreibtraining betrieben. Im Grunde, und das sehe ich so, müssten sich die Karriereberater keine Sorgen machen, dass Bewerbungsschreiber ihnen die Kunden nehmen, denn es geht hier um verschiedene Probleme. Warum aber regen sich Erstere über das Fremdschreiben auf?

  1. Man müsse sich Zeit für eine Bewerbung nehmen – diese Aufgabe kann man nicht delegieren, so ist der Tenor der Karriereberater. Sich selbst mit der Bewerbung auseinander zu setzen sei der erste Schritt dahin, sich mit dem Unternehmen zu identifizieren.
  2. Jemand, der einen nicht so gut kennt wie man selbst, könne nicht wahrhaftig die eigene Motivation herausstellen; könne nicht die eigene Persönlichkeit wiedergeben.
  3. Die Personalentscheider würden an dieser Stelle hinters Licht geführt; erwarteten möglicherweise mehr vom Bewerber, als dieser in einem Vorstellungsgespräch beweisen kann. Handelt es sich hier etwa um eine Form des Betruges?

Dabei gehen die Berater allerdings davon aus, dass ein Bewerbungsservice einfach nur schreibt, sich die Unterlagen des Bewerbers nur sporadisch durchschaut, sich nicht die Stellenanzeige durchliest oder zum Unternehmen recherchiert, sich nicht die Wünsche des Kunden anhört.

Dann aber frage ich: Ist das so? Gibt es nicht auch einen Service, der anbietet auf mich und meine Motivation einzugehen? Hier wird geradezu postuliert, dass alle Ghostwriter gleich sind – aber ist das wirklich der Fall? Vor kurzem ist ein Testbericht erschienen, der Bewerbungsservices getestet hat. Karrieberater haben dazu meist eine klare Meinung: „Plagiate“ und warnen Bewerber davor, diesen Service zu nutzen.

An dieser Stelle muss einem Bewerber doch auch klar sein, dass das Bewerbungsschreiben ganz ohne Vorleistung nichts werden kann. Man sollte sich Gedanken über die eigene Motivation machen, die bereits mit dem Lesen einer Stellenausschreibung entfacht wird: „tolles Unternehmen, spannende Aufgaben, dort möchte ich arbeiten!“. Wer dem Ghostwriter die eigenen Stärken kommuniziert, der kann davon nur profitieren, insofern dieser darauf eingeht.

Dennoch ist man einem Dienstleister zunächst abgeneigt. Warum? Berichte über illegales Ghostwriting bei Doktorarbeiten hat dem „Schreiben lassen“ einen schlechten Beigeschmack gegeben. Zudem erfordert es sehr viel Vertrauen, sensitive Daten wie Stärken und Schwächen, Adresse und Berufswunsch an einen Dienstleister weiter zu geben. Datenklau und illegaler Verkauf verunsichern den Konsumenten, nicht nur was diesen Service angeht. Außerdem: Was passiert, wenn mir die Bewerbung am Ende nicht gefällt? Schaffe ich es damit tatsächlich in das Vorstellungsgespräch? Ein Bewerber wittert hier zunächst Betrug, vor allem, da es um Geld geht.

Ghostwriting – schädlich oder nützlich?

Meine Antwort: Das kommt auf den Schreiber bzw. den Service an. Wenn mir ein Schreiber anbietet mich in einem Maße miteinzubeziehen, dass die Bewerbung meine Persönlichkeit wiederspiegelt; wenn er sich Zeit nimmt meine Gemeinsamkeiten mit dem Unternehmen zu recherchieren und meine Motivation wissen möchte, dann kann ein Schreiber mir helfen.

Vor allem wird auch denjenigen geholfen, die keine Zeit oder keine Ahnung mehr vom Schreiben einer Bewerbung haben sowie denen, die frustriert nach Formulierungen suchen. Ein Schreiber der schon einige Zeit im Geschäft ist und hunderte Bewerbungen geschrieben hat könnte mir auch Beratung zu Design und Form anbieten und zu Dingen, die dem normalen Bewerber mangels Erfahrung verborgen bleiben. Zudem muss mir ein seriöser Service Datenschutz und Vertraulichkeit versichern können. Dann könnte ich sagen: „Nützliche Dienstleistung“.

Ein Schreiber kann mir jedoch kein Karrierecoaching anbieten oder sonstige weitergehende Beratung, wenn es nicht seinen Fachbereich betrifft. Wer also nicht an der Bewerbung, sondern an sich selbst, seinen Stärken Schwächen und Zukunftsvisionen scheitert, der sollte eher über ein Karrierecoaching nachdenken.

Artikelbild: dotshock/ Shutterstock

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