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Wir sind fleissig, wollen aber auch nicht leben, um “nur” zu arbeiten. Wir wollen arbeiten UND leben, so die zentrale Forderung der Gen Y, nach 1980 geboren, mit Social Media aufgewachsen, vernetzt, bestens gebildet, meist mit Abitur. Kerstin Bund, Anfang 30 hat ein Y-Generationen-Buch geschrieben…

Meine Generation hat gesehen, was herauskommt, wenn der Beruf das Privatleben dominiert: abwesende Väter, Scheidungen, ein Herzinfarkt mit 50. Das hat uns abgeschreckt. Wir leiden an einem »Hilfe, mein Vater ist Workaholic«-Syndrom. Wir sind überzeugt davon, dass sich Arbeit, Familie und Freizeit auch anders organisieren lassen, als es unsere Eltern getan haben. Wir wollen nicht leben, um zu arbeiten, wir wollen arbeiten und leben. Wir sind Vereinbarer, die alles möchten, und am liebsten alles auf einmal: Beruf plus Freude plus Sinn.

Karriere und Familie – und zwar für beide Partner. Eines steht für meine Generation fest: Auf Familie wollen wir wegen des Jobs nicht verzichten. In der letzten Shell-Jugendstudie gaben 76 Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen an, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich zu leben. Ein Wert, der in den vergangenen Jahren stetig gestiegen ist. 69 Prozent möchten selbst einmal eine Familie gründen.

Und bei der Frage, was sie unter Wohlstand verstehen, denken mehr junge Menschen in Deutschland an »Familie haben« als an »Geld für einen längeren Urlaub«. In einer Welt, die von Unsicherheit geprägt ist, wird die Familie ein Ort der Sicherheit. Sie bietet Beständigkeit in einer sich schnell wandelnden Welt. Wenn es um Familie geht, sind wir Traditionalisten, konservativer noch als unsere Eltern.

“Sanfte Karriere” wegen verlängerter Lebensarbeitszeit

Meine Generation will Familie, Beruf und Freizeit besser vereinbaren als unsere Eltern. Das führt dazu, dass wir dem Job nicht mehr alles unterordnen. Wir wollen nicht arbeiten, bis wir umfallen. Wir haushalten mit unseren Kräften. Denn wir wissen, dass wir in der Arbeitswelt noch sehr lange durchhalten müssen.

Die Regierung hat alles getan, um unsere Lebensarbeitszeit zu verlängern. Unsere Schulzeit wurde um ein Jahr verkürzt, unsere Studiengänge wurden gestrafft, Wehr- und Zivildienst gestrichen, das Rentenalter wurde um zwei Jahre angehoben – alles, um dafür zu sorgen, dass wir schneller auf den Arbeitsmarkt kommen und länger in die Steuer- und Sozialkassen einzahlen.

Meine Generation weiß, dass sie noch 40 Jahre oder länger im Job überstehen muss. Deshalb streben wir nach »sanften Karrieren«. Wir wollen nicht 40 Jahre lang am Anschlag arbeiten und dann ausgebrannt in Kur fahren müssen. Gewiss, wir stellen dem Job auch mal ein paar Jahre alles hintan, aber dann muss es auch wieder Zeiten geben, in denen wir uns mehr aufs Private konzentrieren – wenn wir eine Familie gründen oder uns um einen kranken Angehörigen kümmern.

Unsere Karrieren gleiten in Wellen dahin: Auf Phasen, in denen wir uns voll auf den Beruf konzentrieren, folgen Phasen, in denen wir andere Schwerpunkte setzen. Manchmal fahren wir auch weg, sehr weit weg. Auf meinen Reisen durch Zentralamerika und Asien habe ich viele junge Leute getroffen, die gerade eine Auszeit nahmen.

„Junge Leute lieben Auszeiten“

Es waren keine Aussteiger, die arbeitsflüchtig durch die Länder dieser Welt streiften. Im Gegenteil: Es waren Menschen, die zu Hause anspruchsvolle Jobs hatten und beruflich erfolgreich waren. Da war der belesene US-Marineoffizier, der sechs Monate mit einem kleinen Rucksack um die Welt reiste, bevor er sein MBA-Studium an der noblen Harvard Business School aufnehmen wollte.

Die angehende Ärztin aus Schweden, die in einem guatemaltekischen Kinderkrankenhaus voluntierte, bevor sie zu Hause ihre Facharztprüfung ablegen würde. Der englische Programmierer, der in einem buddhistischen Kloster in Kambodscha Englisch unterrichtete, bevor er als Projektmanager zu einem IT-Konzern wechselte. Oder die Grafikerin aus München, die ihren Job gekündigt hatte und ein paar Wochen in einem Aschram meditierte, um herauszufinden, wie es beruflich für sie weitergehen sollte.

Mehr Auszeiten, neue Kraft und Orientierung

Meine Generation nutzt Auszeiten, um Kraft zu tanken und sich neu zu orientieren. Viele von uns folgen keinem Karriere-Masterplan. Wir möchten nicht erst am Ziel, sondern schon auf dem Weg dorthin glücklich sein. Viele unserer Väter wollten auf dem schnellsten Weg nach oben kommen. Am Gipfel waren sie dann häufig so erschöpft, dass sie die Aussicht nicht mehr genießen konnten. Das leuchtet meiner Generation nicht ein. Wir legen lieber unterwegs mal eine Verschnaufpause ein und genießen die Aussicht nicht erst am Gipfel. Vielleicht kommen wir später ans Ziel, aber wir fallen oben nicht um. Wir sind nicht bereit, jahrzehntelang zu buckeln, um dann festzustellen, dass wir all die Jahre nicht gelebt oder drei Burnouts hinter uns haben.

Wir wollen gesund bleiben. Wahr ist aber auch: Viele von uns wollen überhaupt nicht mehr ganz nach oben. Das spürt man vor allem dort, wo Hierarchien noch eine große Rolle spielen, zum Beispiel in den Anwaltsbüros. Früher fingen die besten Junganwälte in einer Großkanzlei an und arbeiteten auf den Partnerstatus hin – zehn, 15 Jahre lang. Dazu gehörte die Bereitschaft, sich aufzuopfern. Heute will längst nicht mehr jeder Einsteiger Partner werden. Man merkt es auch in den Krankenhäusern, wo viele junge Ärzte den Chefarztposten gar nicht erst anstreben; ja selbst an Schulen, wo es zunehmend schwierig wird, die Stelle des Rektors zu besetzen.

Neue Karriereziele: lieber Experte als Chef sein

Nein, wir müssen nicht unbedingt Chef werden. Viele von uns wollen es gar nicht, wie Studien belegen: Die Personalberatung Odgers Berndtson etwa hat herausgefunden, dass Manager, die 32 Jahre oder jünger sind, deutlich weniger gerne führen als ältere Managergenerationen. Und wenn sie führen, dann nicht um des Führens willen. Wichtiger sind ihnen die Arbeitsinhalte und die Möglichkeit, ihre persönlichen Stärken zu entfalten.

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Woran das liegt? Ich glaube, dass es mehrere Gründe sind. Zum einen fragen wir – also die Gen Y – uns, warum wir für die vage Aussicht, in zehn Jahren vielleicht einmal Chef zu werden, jahrelang alles ertragen sollen? Dafür ist uns unser Leben zu schade. Außerdem haben viele von uns keine Lust auf die politischen Spielchen und taktischen Manöver, die in Führungsetagen häufig nötig sind, um nach oben zu kommen und sich an der Spitze zu halten. Wir wollen der Sache dienen, nicht der Macht.

Und schließlich ist man als Manager mit allem Möglichen beschäftigt, nur nicht mehr mit seinen ursprünglichen Aufgaben. Statt Fachdiskussionen führt man nun Gehaltsgespräche. Statt sich in eine Materie zu vertiefen, sitzt man in Meetings herum. Das sagt vielen in meiner Generation nicht zu. Je mehr sie sich reinhängen, je höher sie in der Hierarchie steigen, desto größer werden auch ihre Verantwortung, der Druck und der Preis, den sie für den Erfolg bezahlen.

Das ist wie bei einem Würstchen-Wettessen, bei dem der Preis, den es zu gewinnen gibt, noch mehr Würstchen sind. Deshalb streben viele junge Beschäftigte heute eine Fachlaufbahn an. Untergebene? Brauchen sie nicht. Sie wollen lieber selbstbestimmt arbeiten, an der Sache und am Ergebnis orientiert.

Freude und Sinn statt Macht und Status

Einige Unternehmen haben darauf bereits reagiert. Der Automobilzulieferer Bosch etwa bietet seit vielen Jahren eine Fachkarriere an – mit der gleichen inhaltlichen Weiterentwicklung und den gleiche Gehaltsstufen wie bei der Führungslaufbahn. Die Fachleute haben bei wichtigen Entscheidungen sogar ein Vetorecht. Auch bei Audi können Experten eine Topposition erreichen, ohne Führungsverantwortung zu übernehmen. Das Unternehmen hat dazu sogar eine umfassende Befragung gemacht.

Das Ergebnis: Nur 42 Prozent der Audi-Mitarbeiter, die 1980 oder später geboren sind, streben überhaupt noch eine Führungslaufbahn an, ebenfalls 42 Prozent wollen lieber eine Fachlaufbahn einschlagen, und 16 Prozent sehen sich später als Projektleiter. Meine Generation ist bereit, viel zu leisten, aber wir müssen nicht mehr die klassische Konzernkarriere machen. Sie erscheint uns zu starr, zu hierarchisch, zu sehr abhängig von interner Politik. Ein anerkannter Experte auf einem Gebiet zu sein ist vielen wichtiger, als ein Team von 50 Mitarbeitern zu führen.

Wir sind anders motiviert als unsere Eltern. Harte Prinzipien wie Gehalt, Macht und Status treiben uns viel weniger an als die Aussicht auf eine Arbeit, die Freude macht und einen Sinn stiftet. Der Job ist für uns mehr als ein Job, er ist Ausdruck der eigenen Identität, eine Form von Selbstverwirklichung. Geld ist uns wichtig, aber Geld ist nicht alles. Wenn man meine Generation fragt, ob wir mehr Geld oder mehr Zeit wollen, sagen wir meistens: mehr Zeit. Herr über seine Zeit zu sein – das ist unser Statussymbol.

 Artikelbild: DenisFilm/ Shutterstock

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