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Die Freiheit der Wahl, wohin die Karriere gehen soll. Gemeinhin wird das mit Jugend assoziiert. Bis Mitte, spätestens Ende 20 –  heißt es – stehen uns längst nicht alle, aber viele Wege offen. Im Verlauf des Älterwerdens verengen sich  sukzessive unsere Perspektiven und Optionen. Doch: Ist das wirklich so? Hirnforscher beweisen das glatte Gegenteil…

Stimmt diese Interpretation der Lebensmitte zwischen 40 und 60 als des Anfangs vom Ende? Zunehmend aufbruchsfreudige, ja wagemutige Lebensentwürfe sogenannter Middle Ager sagen das Gegenteil. Und die Hirnforschung bestätigt sie darin.

Bereits im 14. Jahrhundert sprach der Mystiker Johannes Tauler von der „Radikalität des Nullpunkts“ in der Lebensmitte. Und er meinte damit mitnichten die Verleugnung dessen, was der Mensch bislang geleistet, gelebt, gedacht hat.

Alles eine Frage der Perspektive

Im Gegenteil: In der Lebensmitte blicken wir auf vielfältige Facetten unseres Lebens zurück, die uns eine größere Perspektivenvielfalt eröffnen als in unserer Jugend: Weiter so auf bekannten Pfaden?

Oder einen vollkommen anderen Weg einschlagen? Jetzt blicken wir uns um auf einem Fundament gelebten Lebens. Und haben die Freiheit, unsere Erinnerungen zu verknüpfen mit möglicherweise visionären Lebensentwürfen.

„Leidenschaft“

Ein kleines Beispiel: Kurz nach seiner Emeritierung fiel der Hirnforscher Ernst Pöppel in ein „schwarzes Loch“ – was nun? Und entsann sich im freien Gedankenflug seiner jugendlichen Leidenschaft fürs Zeichnen.

In einem gedanklichen Reifeprozess wuchs die Idee, die Erkenntnisse eines langen und erfüllten Wissenschaftlerlebens zu verknüpfen mit dieser verloren geglaubten Neigung. So entstand „Art & Science“, ein Forschungs- und Veranstaltungsformat, in dem neurologische Prozesse im künstlerischen Schaffen untersucht werden.

„Big Picture“ erst im Alter

Aktuelle Erkenntnisse aus der Hirnforschung belegen diese erst in der Lebensmitte entstehende Fähigkeit des Menschen zur profunden Verknüpfung von Eindrücken.

Zwar nimmt das menschliche Gehirn vollkommen neue Informationen in etwas langsameren Takt auf als noch in der Jugend – der Neuropsychologe Pöppel spricht vom menschlichen Metronom – dafür gewinnen wir aber in der Zeitspanne zwischen den Taktschlägen zunehmend an Kombinationsvermögen. Unsere verbale Ausdrucksfähigkeit, unser argumentatives Geschick und unsere konzeptionelle Kompetenz erreichen Spitzenwerte.

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Alles eine Frage der Sicht? Das Buch „Sieg der Silberrücken“ räumt mit einigen Klischees auf. Buch kaufen

Warum aber gelingt es manchen Menschen, diese Potenziale, die ihnen in dieser Phase ihres Lebens erwachsen, auch zu nutzen, die Lebensmitte zu einer „Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs“ (Titel des gleichnamigen Themenheftes von GEO Wissen) zu gestalten?

Während andere resignieren, in Bewegungslosigkeit verfallen?

Wie kann es gelingen, den ersten, noch zaghaften Wunsch einer Veränderung dann auch wirklich zu einem Vorhaben zu entwickeln und dieses schlussendlich umzusetzen?

Der Willensbildungsprozess ist eines der faszinierendsten Geschehnisse im menschlichen Gehirn. Und wesentlich mehr als bloße Durchsetzungsstärke, mehr auch als Beharrlichkeit, ein einmal gesetztes Ziel nun unnachgiebig zu verfolgen – es könnte auch das falsche sein.

Die Willensbildung ist vielmehr ein Reifeprozess, der auch unter dem Begriff Volition firmiert. Hier fasst der Mensch weder übereilte Entschlüsse noch verharrt er in endlosen Grübeleien auf der Stelle.

Er nimmt sich aber die Zeit für die zielführende Reflexion dessen, was war, was ist und was sein kann, Erfahrungswissen, Motive und Wünsche fließen als Aspekte unserer Persönlichkeit mit ein.

Für diese Form einer reifen Willensbildung sind wir in unserer Lebensmitte besser aufgestellt als in unserer Jugend.

Suche nach „Beweisen“

Im Buch „Sieg der Silberrücken“ spiegelt der SISCA-Leitfaden die verschiedenen Reifestadien der Volition. Vom ersten Bilanzieren ‚dessen, was ist‘ in der Phase SCAN, über die Reise in uns selbst in der INSIGHT-Phase, das Abwägen und Auswählen des Zieles in „SELECT“, das Gestalten unseres Zieles mit allen Variationen und Erfordernissen in „CREATE“ bis zum alles entscheidenden Handeln „ACT“.

Den Beweis für diese Kraft des Willens liefern zehn Menschen, die einen entscheidenden Richtungswechsel in ihrem Leben geschafft haben. In den Porträts wird deutlich, dass trotz vollkommen unterschiedlicher Lebensverläufe eines alle Neustarter eint: das Empfinden, das Richtige getan zu haben. „Ich spüre noch heute ein Glückskribbeln“ sagt eine Porträtierte, und ein anderer Gesprächspartner erinnert sich an den Moment der Erkenntnis, wohin sein Leben sich wenden soll: „Ich dachte, mir wachsen Flügel.“

Über die Autorin: Katharina Daniels arbeitet als Fachjournalistin und PR-Beraterin, Dabei begleitet sie Führungspersönlichkeiten in ihrer öffentlichkeitswirksamen Darstellung. Im Netz, in Imagebroschüren und in Publikationen. Hier die Seite zum neu erschienenen „Silberrücken“-Buch

Artikelbild: auremar/ Fotolia.com

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