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Nie wieder im Berufsleben den Kürzeren ziehen? Durchschauen Sie unfaire Kollegen und Chefs. Aktivieren Sie Ihren „Aggro-Faktor“, denn der gibt aufstrebenden Angestellten die Chance, sich in ihrem Arbeitsumfeld auch mal etwas bissiger zu positionieren – für eine gute Sache. Von Professor Jens Weidner…

Seien Sie also ruhig mal aggro im Job! Damit wird eine Lebenseinstellung beschrieben, die eines glasklar stellt: zum Ja-Sager und Schäfchen-Typ, mit dem man im Beruf alles machen kann, eigne ich mich nicht mehr!

Vielen Berufstätigen fällt diese Haltung allerdings nicht leicht. Sie arbeiten klag- und manchmal auch lustlos, lassen sich unterbuttern und übervorteilen, werden bei Beförderungen übergangen oder mit ihren Leistungen nicht anerkannt.

Hart, aber unfair will damit Schluss machen und hat deswegen 427 Frauen und Männer aus Deutschland, der Schweiz und Österreich zu den Schattenseiten des Berufslebens befragt, die insgesamt 2135 gegeben haben, etwa zu der Frage, welche bissigen oder bösen Taten sie im Job erlebt oder begangen haben?

Nicht immer politisch korrekt sein

„Teamplaying ist, wenn fünf Füchse und ein Hase über das Abendessen abstimmen. Intelligenz ist, wenn der Hase bei der Abstimmung eine Schrotflinte in der Pfote hält“ Herausgekommen sind ehrliche, entwaffnende, nicht immer politisch korrekte Statements, die eines deutlich machen: es gibt noch zu viele Opfer mit zu wenig Biss im Berufsleben. Genau diese Arbeitnehmer sollen mit Lust unterstützt werden.

Ein ethikfreies Arbeiten soll hier natürlich nicht propagiert werden. Aber Sie sollen ermutigt werden, auch einmal nicht so nett zu agieren, wenn es beruflich angemessen erscheint. Simone Lerche, Teammitglied einer Elektrofirma bei Würzburg formuliert das so: „Mein Wunsch ist, meinen Standpunkt länger im Gespräch halten zu können, weniger kompromissbereit zu sein und vor allem keine Abschweifungen auf Nebenschauplätze zuzulassen.“

Und Christoph Sellner, stellvertretender Projektleiter eines norddeutschen Autozulieferers erkennt: „Mir fehlt es schlicht am ‚Standing‘, ich knicke einfach zu schnell ein.“ Beiden kann geholfen werden – wenn sie ein paar Spielregeln der Berufswelt beachten, wie zum Beispiel das Paradoxon der Macht.

Keine Gewalt ist auch keine Lösung (Foto: Pressmaster/ Shutterstock)
Keine Gewalt ist auch keine Lösung (Foto: Pressmaster/ Shutterstock)

Das beschreibt, einfach formuliert, dass Chefs jeder Couleur unter der Angst der Machtbeschneidung leiden. Für Berufstätige heißt das: wenn Sie Ihrem Chef oder Ihrer Chefin diese Beschneidungsangst nehmen, liegen diese Ihnen im besten Fall zu Füßen, im schlechtesten Fall werden Ihre Bahnen wenigstens nicht gestört.

Zwischen den Fronten

Wie das geht? Ganz einfach: stimmen Sie grundsätzlich all Ihr Handeln, das den Chef-Radius berühren könnte, vorab informell unter vier Augen kurz mit ihm oder ihr ab. Holen Sie sich einfach das ok und zwar genau so lange, bis sie zu hören bekommen: „Sie brauchen nicht immer vorher Bescheid sagen, Sie machen das schon…!“

Erst jetzt steht das Vertrauensverhältnis und erst jetzt geht die Beschneidungsangst des Chefs verloren. „Das ist ja anbiedernd“, entgegnete mir trotzig Peer Lahr, Berufsanfänger im niedersächsischen Handel.

Diese Entgegnung ist nachvollziehbar, ignoriert aber eine wichtige Vorgesetzten-Regel: je statushöher und machtvoller Ihre Vorgesetzten sind, desto überempfindlicher die Reaktion, wenn etwas nicht mit ihnen abgestimmt wird. Es wächst dann die Befürchtung beim Chef, die Kontrolle verlieren zu können und die steigert sich manchmal bis zur Panik, den Laden nicht mehr im Griff zu haben.

„kein Selbstgänger“

Für diese Panikattacken sollten Sie nicht verantwortlich sein. Peer Lahrs Vorgesetzten-Empathie-Mangel hatte übrigens Konsequenzen: eine nicht abgestimmte Kleinigkeit gegenüber einem Kunden brachte ihm riesigen Ärger mit dem Chef ein, sowie dessen Hinweis, dass die Verlängerung seines befristeten Vertrages kein Selbstgänger sei.

Peer Lahr verstand die Welt nicht: „Ich bin doch viel zu unwichtig, als dass mein Chef so reagieren müsste.“ Nein, Peer, umgekehrt wird in der Chef-Logik ein Schuh daraus: „Wenn schon der junge Herr Lahr sich nicht abstimmt, was werden sich dann wohl die anderen, wichtigeren Kollegen in Zukunft herausnehmen?“ Um dem vorzubeugen, gab es für Peer die Breitseite.

Hart aber herzlich bei der Sache

Hart aber unfair: Erklärung für einen ehrlicheren weil erfolgsversprechenderen Weg. Langfristig zumindest. Buch kaufen

Ist das fair? Nein! Sollten Sie dieses Spiel frühzeitig durchschauen? Auf jeden Fall! Dabei kann eine Portion Humor nicht schaden, denn das Thema ist zu ernst, um es staubtrocken abzuhandeln. Es geht darum, lächelnd die Wahrheit zu sagen: ‚Ridendo dicere verum‘. Sie treten damit in Goethes Fußstapfen, dessen Mephisto – im Zwiegespräch mit Gott – feinsinnig über die menschlichen Schattenseiten philosophiert:

„Ein wenig besser würd‘ er leben
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennts Vernunft und brauchts allein,
nur tierischer als jedes Tier zu sein.“

Diese dunkleren Seiten würde es nicht geben, wären alle immer teamfähig, nachhaltig, win-win-orientiert und von Kants Kategorischem Imperativ geprägt: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“.

Was Du nicht willst, dass man Dir tut, das füg‘ auch keinem Anderen zu‘, sagt der Volksmund. Aber es verhalten sich nicht alle so korrekt wie Beate Lippert, eine Versicherungsangestellte, die selbst für ihre Chefin einfach zu nett ist: „Ich weiß gar nicht, welche Aggressionsformen ich brauche.

Treiber statt Sand im Getriebe

Mir gibt es nur zu denken, dass mich meine Chefin gebeten hat, mich dem Thema stärker zu widmen, da sie möchte, dass ich ihr auch bei unangenehmen Aufgaben zukünftig stärker zur Seite stehe.“ Diese Initiative zeigt: die Chefin glaubt an die Ausbaufähigkeit von Beate Lipperts Potential! Aber worum geht es hier genau – und das nicht nur bei ihr:

  • Sie sollen nicht mehr auf die beliebtesten Gemeinheiten hereinfallen, wenn man Ihnen zum Beispiel die hoffnungslosesten Projekte als ‚innovative Chance‘ verkauft, obwohl alle schon vorher wissen, dass Sie nur verlieren können. Oder man Ihnen gerade den Kunden oder den Klienten zur Betreuung nahelegt, von dem alle (nur Sie nicht) wissen, dass der nicht zu betreuen ist, weil er zu den psychischen Grenzfällen zählt.
  • Sie sollen sich zukünftig mit einem Grundmisstrauen (die Wissenschaft spricht von pessimistischer Anthropologie) durch die Arbeitswelt bewegen. Bleiben Sie aber immer bereit, sich vom positiven Gegenteil überzeugen zu lassen. Sie sollen also in Zukunft Ihre Kolleginnen und Vorgesetzten nach ihrem Handeln und nicht ihrem – vielleicht auch schmeichelhaftem – Gerede beurteilen.
  • Und Sie sollen sozialethische Maßstäbe erfüllen, weil dieses ‚aggro‘-Denken Macht-Interaktionen und Herrschaftswissen transparent und letztlich damit überflüssig macht: Machtspiele machen halt wenig Sinn, wenn Sie die Spielregeln durchschauen.

Hier soll auch Beate Lippert unterstützt werden, um zukünftig fairer behandelt zu werden und nicht mehr beklagen zu müssen: „Ich verachte Zielvereinbarungen, die bei uns so ausgelegt sind, dass allen klar ist, dass das nie zu erreichen ist und man dadurch wie im Hamsterrad seine Kreise zieht, nicht vorankommt und man mit dem Hinweis schneller zu arbeiten provoziert wird.“

Das ist auch das Erste, was sie ihrer Chefin in einem Vier-Augen-Gespräch höflich, aber bestimmt, rückmelden müsste und nach eigenen Aussagen auch rückmelden will. Das macht doch Hoffnung, oder? Willkommen beim Aggro-Faktor, Frau Lippert!

Als Schlagfertigkeit bezeichnet man das schnelle sprachliche Reagieren auf unvorhergesehene Situationen. Das Wort ist aus dem Militär-Jargon entlehnt, wo die Schlagfertigkeit einer Armee ihre Bereitschaft zum sofortigen Einsatz bedeutet. Im 19. Jahrhundert nahm das Wort „schlagfertig“ dann die heutige Bedeutung „um keine Antwort verlegen, witzig“ an…

Über den Autor: Professor Jens Weidner lehrt Erziehungswissenschaften und Kriminologie an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Fakultät Wirtschaft und Soziales. Er hat unter anderem ein Buch über die „Peperoni-Strategie“ geschrieben…

Artikelbild: ArtFamily/ Shutterstock

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