Im Grunde kann das überall im westlichen, postindustriellen Europa sein. Die Stadt Güllen ist finanziell am Ende. Doch die Rettung naht: Die Milliardärin Claire Zachanassian bietet ihrer Heimatstadt Geld. Empörung weicht die Einnsicht, wie schnell man das eigene Ich korrumpieren lässt…

Die Forderung kommt so prompt wie die Notbremse, welche die von Klunker behangene Claire zieht: »Ich gebe euch eine Milliarde und kaufe mir dafür die Gerechtigkeit. Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet.«

Friedrich Dürrenmatt gelang mit »Der Besuch der alten Dame« 1956 der große literarische Durchbruch. Er selbst schrieb: »[Es ist] eine Geschichte, die sich irgendwo in Mitteleuropa in einer kleinen Stadt ereignet, geschrieben von einem, der sich von diesen Leuten durchaus nicht distanziert und der nicht so sicher ist, ob er anders handeln würde«.

Geld macht Geltung

Sein zum Klassiker gewordenes Stück über die Macht des Geldes ist heute noch immer erschreckend, entlarvend und – in Zeiten wirtschaftlicher und kultureller Krisen – höchst aktuell: »Anständig ist nur, wer zahlt, und ich zahle«, sagt Claire Zachanassian.

„Abbild“

Heinz Ludwig Arnold sieht darin ein „Stück von der Korruption der Menschen und der Schuld eines einzelnen“, wobei es keine beliebig anwendbare Parabel sei, sondern ein unveränderliches Gleichnis: „das Abbild der Menschenwelt auf der Bühne“.

Für Friedrich Torberg ist es „die alte Dame Korruption, […] die alte Dame Versuchung, die alte Dame Spekulation auf menschliche Gier“, die die Stadt Güllen besucht. Die Reaktion der Güllener Bürger beweise „die menschliche Bereitschaft, sich auch an Unmenschliches und als unmenschlich Erkanntes zu gewöhnen.“ Spieltermine des Theater Konstanz.

Über den Autor: Jan Thomas Otte liebt die präzisen, extrem knappen Bücher von Dürrenmatt. Darunter „Die Physiker“ und „Der Richter und sein Henker“ – sie alle sind düster wie heiter, blicken tief in die menschliche Seele.

Artikelbild: Syda Productions/ Fotolia.com

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