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Werte und Weisheit, Mitgefühl und Nächstenliebe, Gelassenheit und Achtsamkeit. Sie sollten in den Management-Etagen präsent sein, Wirtschaft menschlicher machen…

David Eisner orientiert sich am jüdischen Glauben, um Krisen durchzustehen. Während in Deutschland noch fleißig über Thilo Sarazzins Buch gestritten wird, geht Karriere-Einsichten weiter statt sich über solch komische Genome auszulassen. Was „bringt“ jüdischer Glaube?

Er hat David Eisner geholfen, die Gier nach Geld aber auch die Angst vorm Verlust des Arbeitsplatzes zu überdenken. Der 48Jährige ist Gründer und Manager von “The Markets.com“, einem Anlegerportal der großen Investmentbanken an der Wall Street.

„100 Arbeitsstunden pro Woche“

100 Arbeitsstunden pro Woche, auch am Schabatt-Abend, wenn andere Juden in der Synagoge feiern.

Für den Investment-Manager an der Wall Street war das lange Zeit Realität. Erst dann merkte Eisner, dass ihn der Wunsch nach Karriere bereits kontrollierte.

Vor 15 Jahren kündigte er seinen alten Job als Investmentmanager und machte sich selbstständig. Das war lange vor der ersten Wirtschaftskrise im neuen Jahrtausend, der Internetblase und dem 11. September 2001.

Aktien, Derivate und andere Papiere…

Damals sollte er in Firmen investieren, die sein jüdischer Glaube ihm verboten hätten. Darunter sei auch „Penthouse“ gewesen, ein Softporno-Magazin.

Die Ethik, die daraus folgt, macht Eisner sensibler für die Bedürfnisse seiner Umwelt. Er malt die Buchstaben von „Holy“ an die Tafel und findet, dass Unternehmen die den Glauben ihrer Mitarbeiter ernst nehmen, mehr in der Heiligen Schrift lesen sollten.

Hier gebe es jede Menge Gemeinsamkeiten mit den anderen Buchreligionen: „Erstens Respekt und Empathie für den Glauben. Und zweitens, eine Art Realitätscheck ob Glaubensleben und der nächste Geschäftstermin überhaupt zusammenpassen“, sagt Eisner.

Ein Exkurs über die jüdische Lobby an der Wall Street von Kollegen der ARD.

Natürlich kennt Eisner auch das Negativbeispiel par excellence: Bernard Madoff, ein jüdischer Banker welcher systematisch Anleger um über 50 Milliarden US-Dollar betrogen hat.

Dabei ging auch die Jeshiva-Universität von New York, die Madoff gerade wegen seinem jüdische Glauben und dem damit verbundenen sozialem Engagement schätzte, fast pleite. (Mitte Juni wurde er zu einer symbolischen Freiheitsstrafe von 150 Jahren verurteilt.)

Für Eisner hat Madoff aber nichts mit Ethik zu tun, das sei alles illegal und kaum zu fassen. Sein jüdischer Glaube mache ihn sensibler für die ethischen Grauzonen an der Wall Street.

Nur der Rendite wegen will er keine Geschäfte mehr machen: „Das Heiligen des Sabbats hat auch Konsequenzen auf mein wirtschaftsethisches Verhalten gehabt. Nicht nur weil der orthodox-jüdische Glaube mehr Ethik fordert, sondern eben auch diese rituellen Standards.“

… im Glauben findet er Trost, weniger im Geld

Dabei zählt für Eisner nicht nur die Gemeinschaft, sondern auch das Beachten der zehn Gebote, dem Talmud und dem Tabernakel, wie er es gerne nennt.

Heute engagiert er sich als orthodoxer Jude in seiner Synagoge, liest mit anderen Gläubigen in der Thora, genießt das gemeinsame Abendessen am Freitagabend und das Singen davor, was ihm Kraft für den kommenden Montag schenke:

Laura Berry arbeitet unter der Woche viel mit Managern zusammen. Ganz gleich ob Jude, Christ oder Moslem. Die Ökonomin in der Männerdomäne Wall Street stellt fest: gerade für religiöse Menschen ist ethisches Verhalten kein gesellschaftlicher Nasenring, sondern eine Rendite wo innerlicher Glauben zum Wohl des Anderen sichtbar wird.

„Wenn Sie ein Investment machen, dann doch nur, weil sie hoffen das am Ende der Börsenkurs ein viel höherer ist. Da sind wir alle auf irgendeine Form von Glauben angewiesen.

Während sich der jüdische Glaube als ältere Religion mehr auf Wohlstand und Riten konzentriert, finden wir im Islam einen Unterschied zwischen Bürgerrecht und Gottesrecht, der Scharia die zum Beispiel Zinsen verbietet.

Aber in der Praxis, da finden auch gläubige Moslems einen Umweg über Gebühren zum Beispiel. Im Grunde geht es doch darum, dass gläubigen Managern mit ihrer Verantwortung Gottes Schöpfung nicht egal sein kann.“

Mit Gottes Gaben wuchern, scheint okay zu sein

Aber es gebe auch biblische Ordnungen und ungeschriebene Normen, die Grauzonen, die man gerade auch als jüdischer Manager mit orthodoxer Tradition einhalten müsse, weiß auch David Eisner: „Da gibt es jede Menge Literatur von Rabbinern.

Ich will nicht sagen Umwege zum Zinsverbot, aber Wege, wie wir miteinander handeln und Anderen Geld ausleihen. Wenn Juden kein Geld verleihen dürfen, bekommen ihre Mitarbeiter vielleicht kein Gehalt. Und das kann doch nicht gerecht sein nach der menschlichen Natur.“

Jüdischer Glaube, viel Kultur

Laura Berry im Interview mit Jan Thomas Otte…

Alles was seine Eltern ihm beibrachten war die goldene Regel: „Tue Gutes, vermeide Böses“. Es war aber an einem dieser Freitagabende in seinem Büro im New Yorker Finanzviertel, vor 15 Jahren.

Die Sonne streifte die letzen Wolkenkratzer über dem Hudson River, denn hinter der Freiheitstatue nahe dem Ufer von New Jersey war sie bereits untergegangen.

Er habe sich noch nie so innerlich leergefühlt, beschreibt Eisner seine Lage im 68. Stock, am Höhepunkt seiner Karriere. „Nach außen fühlte sich das für mich so an wie ein kalter Schweißschauer.

Und innen war dieser Druck nach Veränderung. War ich doch an einem Ort wo ich wusste, ich muss hier raus. Darüber hatte ich öfter nachgedacht, aber das Karriererisiko war mir einfach zu hoch.“

Als dann an diesem Wochenende auch noch die Uhr auf Winterzeit umgestellt wurde, es draußen eher dunkler war, da wollte der Banker nicht mehr einsam in der Chefetage sitzen, wenn seine jüdischen Freunde in der Synagoge den Schabattabend feiern. Am nächsten Montag kündigte er seinem Chef, weil er diesen Druck nicht mehr aushielt. Auch David Miller war fast 20 Jahre Manager an der Wall Street. Er ist ein langjähriger Freund von David Eisner.

Nachdem er Fonds für eine britische Großbank managte, entschied Miller sich, Theologie zu studieren während Eisner sich selbstständig machte. Seitdem haben beide mehr Zeit fürs Fragen nach dem Verhältnis von Gott und Geld: „Wie verdienen wir das? Häufe ich meine Schätze eher im Himmel oder auf der Erde?

Wie setze ich den Gewinn ein? Im hektischen Alltag der Börse, 90 bis 100 Stunden Arbeit pro Woche, bleibt kaum Zeit, um über solche moralischen Fragen des Glaubens und Wirtschaftens nachzudenken.“

Wirtschaftsethik erscheint als Trendsetter. Doch Experten zwischen Gott und Welt tun sich schwer damit, möglichst nachvollziehbar über diese gefühlsbetonte Sache zu sprechen. Die Frage nach dem Glauben der Manager bleibt ambivalent.

Theologen und Betriebswirte an der Princeton University in den USA forschen nach Formeln, wie man Glauben messbar machen kann und dieser sich auf das Verhalten der Manager auswirkt. Banker David Eisner arbeitet noch immer an der Wall Street als CEO vom Bankenportal „TheMarkets.Com“.

Unser wirtschaftliches Handeln scheint renovierungsbedürftig. Teil 3 einer Serie über Glauben, Spiritualität und Ethik im Job. Plädoyers von Führungskräften in der Wirtschaft aus Judentum, Christentum, Islam aber auch dem Atheismus. Die Hoffnung bleibt ähnlich.

Über den Autor: Jan Thomas Otte beeindruckte das Bekenntnis mancher Manager, auch bei weniger opportunen Entscheidungen ihren Kurs beizubehalten, sich selbst, Gott und der Welt treu zu bleiben…

Artikelbild: tomertu/ Shutterstock

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