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Ob Globetrotter oder Geschäftsreisende. Im Sommer stehen Reiselustige oft vor dem gleichen Problem. Man will möglichst großes Abenteuer. Aber nur ein möglichst kleines Loch im Geldbeutel reißen…

[dropcap]S[/dropcap]icherlich, Holland oder Belgien sind auch schön. Aber wer in die Ferne möchte, läuft schnell Gefahr finanziell über die Stränge zu schlagen. Eine kostengünstige Art des Reisen ermöglicht „Couchsurfing“. Sabrina Kurth über ihren ersten, aber keineswegs letzten Sofagast…

Das war er also, Alex Shishler! Auf den Bildern sah er anders aus, amerikanischer irgendwie. Auch wenn ich nicht genau sagen kann, wie für mich ein typischer Amerikaner aussehen soll. Vermutlich waren es die große Sonnenbrille und das etwas rundliche Gesicht auf den Fotos, die mich zu diesem im Nachhinein sehr voreiligen Schluss gebracht haben.

Nun gut. Auf jeden Fall sieht er völlig anders aus, zwar mit überdimensionaler Sonnenbrille als käme er gerade vom Snowboard fahren, aber auf keinen Fall rundlich, im Gegenteil. Kaum aus der Straßenbahn ausgestiegen, kommt er mir strahlend und leicht verlegen entgegen.

„Hi, ich bin Alex. Sorry für die Verspätung.“ Sorry-sein kannst du auch, denke ich mir, schließlich habe ich über zwei Stunden auf dich gewartet. Das sage ich dann aber nicht, schließlich will ich meinen Gast nicht schon direkt vor den Kopf stoßen. Nach dem üblichen anfänglichen Small-Talk über Studienfächer und die Lieblingsmusik sind wir auch schon bei mir zu Hause angekommen. Das Frühstück wartet schon; Die nächsten vier Frühstücke stehen auch schon im Kühlschrank bereit.

Alex, eigentlich Alexander, natürlich mit typisch amerikanischem „Ä“ am Anfang, hat mich übers „couchsurfen“ gefunden. Das ist eine Internet-Plattform, wo Menschen auf der ganzen Welt für ein paar Tage kostenlos ihre Wohnung für Besucher zu Verfügung stellen.

„Ist das nicht ein bisschen gefährlich einfach Hinz und Kunz bei dir übernachten zu lassen“, hatte mich meine Mutter sofort gefragt als ich ihr von meinem baldigen Gast erzählt habe. „Wird sicher lustig und was soll auch schon passieren?“, entgegnete ich ihr.

„Schließlich kann ich dabei auch viele interessante Menschen kennenlernen und außerdem will ich selber auch gerne mal in den Ferien von Couch zu Couch surfen.“ Außerdem können über 3 Millionen Couchsurfer, die mittlerweile auf der Seite angemeldet sind, doch nicht falsch liegen, oder?

Auf einer Tour durch Europa

Jetzt war es aber sowieso zu spät mir Sorgen zu machen, immerhin ist Alex extra aus Syracuse, New York, angereist. Er studiert Landschaftsarchitektur und macht momentan eine kleine Rundreise durch Europa. In Amsterdam, Rom und Barcelona war er schon, jetzt ist Deutschland dran.

In fünf Tagen geht es nach München und danach nach Berlin. Wenn er es schafft, auch noch nach Polen. „Da will ich mir eigentlich nichts bestimmtes anschauen, aber ich habe gehört, dass dort das Bier so billig ist“, sagt er und lacht. Er hat ein sympathisches Lachen, sehr laut und gleichzeitig immer ein bisschen verlegen, als ob er nichts falsches sagen wolle.

Freiburg habe er im Studium schon sehr viel gehört. Er mache gerade eine Recherche über erneuerbare Energien und da ist Freiburg natürlich prädestiniert.

„The Green City“, sagt er immer, „mit neuen Konzepten in Solartechnik und Wohnungsarchitektur.“ Wow, das hätte ich nie gedacht, dass man im weit entfernten Amerika etwas über das 200.000 Seelen-Städtchen lernt. Wieder ein Vorurteil, das ich über Bord werfen muss.

Die nächsten drei Tage als „Tour-Guide Sabrina“ habe ich Alex von hier nach dort, von dort nach hier geführt. Aber das schönste waren eigentlich die Abende: endloses Karten spielen, Filme schauen oder ins Billiard Café gehen. Und das beste: stundenlange Diskussionen über unsere verschiedenen Kulturen und Lebensweisen.

„Ihr Deutschen seid gar nicht so steif wie ich immer gedacht habe“, ist Alex Resumée. „Das ist Couchsurfing: neue Leute kennenlernen und vor allem von ihnen lernen.“ Ich glaube, Alex hätte es nicht besser zusammen fassen können.

Erlebnisse mit Wiederholungsbedarf

Nach fünf Tagen hieß es aber leider Abschied nehmen. „Aber nur für heute, versprochen?“, meint Alex kurz bevor er aus der Straßenbahn aussteigt. „Bald kommst du doch nach Amerika. Ich hab noch eine Couch frei“, lacht er mit in seinem typischen Alex-Lachen.

Stimmt, denke ich, ich wollte schon immer mal einen Road-Trip durch die Staaten machen. Warum also nicht einen kleinen Abstecher nach Syracuse einschieben. Bis dahin muss ich mich aber noch ein bisschen gedulden. Mein Fazit: Ich würde es immer wieder machen. Und das habe ich auch, insgesamt waren schon etwa zehn Couchsurfer bei mir.

Ich selber habe in Neuseeland den Luxus der kostenlosen Schlafgelegenheit, den tollen Abenden mit fremden und trotzdem irgendwie vertrauten Menschen und natürlich die heimische Küche genossen. Die kriegt man nämlich in keinem Restaurant, sondern nur bei Stuart und Co. im Wohnzimmer.

Zwar hatte ich auch schon ein paar schlechtere Erfahrungen: Couchsurfer die einfach nicht aufgetaucht sind (und ich den extra gebackenen Kuchen alleine essen musste) oder gefühlt eine Stunde vorher abgesagt haben. Das hält mich aber nicht ab, immer wieder Leute aufzunehmen.

Und Alex Besuch hat weitere, deutliche Spuren hinterlassen: Ein Kartenspiel, das ich immer mit meinen Freunden spiele, kannte Alex und zusätzlich noch eine neue Spielvariante. Und seit dem heißt es immer wenn wir spielen: Mit oder ohne Alex Regel?

Sichtweise! Sabrina Kurth liebt Couchsurfing. Mit ein paar Surfern hat sie immer noch Kontakt. Und natürlich freut sie sich, bald den Gegenbesuch zu machen…

Artikelbild: © Jan Thomas Otte

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Sabrina Kurth studiert Britische und Nordamerikanische Kulturstudien in Freiburg. Sabrina hospitierte bei RTL, der Deutschen Welle und beim SWR. Wenn Uni oder Arbeit gerade nicht rufen, ist sie auf Wandertour im Schwarzwald oder jongliert auf ihrem Balkon...

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