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Manche fühlen sich gestresst, das eigene Selbst kommt kurz. Stress zwischen Beruf und Zuhause scheint vorprogrammiert zu sein. Ein Interview mit Willigis Jäger…

[dropcap]W[/dropcap]ofür begeistert sich Williges Jäger als christlicher Mystiker und Zen-Buddhist?

Pater Willigis: Zen-Buddhist bin ich nicht. Meine Erfahrungen liegen jenseits eines Glaubensbekenntnisses. Ich führe die Menschen in einen spirituellen Weg ein, der in ein tieferes Begreifen unserer menschlichen Existenz führt.

Wer dort ankommt, erkennt den wirklichen Sinn seines Lebens. Wie der einzelne seine Erfahrungen einordnet, in eine Konfession oder in einer anderen religiösen Weltsicht, ist ihr und ihm überlassen.

Auf den Punkt gebracht: Welchen spirituellen Sinn hat Arbeit neben dem täglichen Broterwerb? Wir lesen in der Bibel: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ (Gen. 3,19).

Pater Willigis: Für manche Menschen mag das noch gelten. Aber ich kenne eine Putzfrau, die jeden Morgen strahlend ins Haus kommt und nicht sagt: „Ich muss den Dreck wegmachen, den andere hinterlassen haben“. Sie sagt vielmehr: „Ich möchte, dass die Gäste ein sauberes und angenehmes Zimmer vorfinden, wenn sie kommen“. Unsere innere Einstellung zur Arbeit ist entscheidend.

Entspricht das nicht der spürbaren Realität von unbezahlten Überstunden, befristeten Arbeitsverträgen, Jobverlust ohne Aussicht auf Wiederanstellung?

Pater Willigis: Es kommt darauf an, wie ich meine Arbeit sehe. Vielleicht kennen sie die Geschichte, in der ein Arbeiter gefragt wird: Was machst Du? Seine Antwort war, ich behaue Steine. Es wurde ein anderer der Bauhütte gefragt: Was machst du? Seine Antwort: Ich baue Mauern. Man fragte einen Dritten. Seine Antwort war: Ich baue an einem Dom. Jede Arbeit kann ein „Dombau“ sein. Den Stress macht sich jeder selber.

Ihre Frage nach der Arbeitslosigkeit ist schwerwiegend. Die Zahl der Arbeitslosen wird steigen, trotz aller Versprechen. Vielleicht ist der Grundlohn eine Lösung. Jeder und jede bekommt Geld, von dem man sich gerade ernähren kann, gleichgültig ob er arbeitet oder nicht. Er kann dazu verdienen, muss aber von seinem zusätzlichen Verdienst Steuern zahlen, damit die andern genug zum Leben haben. Da sind Wirtschaft und Politik gefragt.

Wie soll ein gestresster Arbeiter noch heute nach der Tradition der Benediktiner „Ora et labora“ – also Bete und arbeite. Apropos „Labora“. Das könnte ich ja auch mit Leiden, sich anstrengen und in Not sein übersetzen…

Pater Willigis: Nicht alle Arbeiter sind gestresst. In unserem Orden legt man bei jedem Stundenschlag die Arbeit aus der Hand und hält ein Minute der Besinnung. Die Frage ist, ob man seinem ganzen Leben und damit auch der Arbeit einen religiösen Sinn geben kann. Im letzteren Fall erhält alles Sinn, auch das was leidvoll und mühsam ist. Eine leidfreie Welt wird es nicht geben…

Ein Wort zum Thema Zukunft und Arbeitslosigkeit. Welches Mittel sehen Sie für Betroffene, mit diesen Ängsten unserer Zeit umzugehen?

Pater Willigis: Ich bin weder Wirtschaftsexperte noch Politiker. Die Menschheit geht schwierigen Zeiten entgegen. Ich habe vorhin vom Grundlohn als einer möglichen Lösung gesprochen. Auf jeden Fall bleibt dem Menschen trotz Arbeitslosigkeit Zeit für Kreativität und sinnvolle Beschäftigung. Nicht zuletzt auch für eine Entdeckung des inneren Menschen, in dem eine „terra incognita“ liegt – ein unbekanntes Land, das erforscht werden will, wenn das Leben Sinn machen soll.

Die Bibel mahnt: „Betet ohne Unterlass“ (1. Thess. 5,17). Wie soll das funktionieren, dass Führungskraft und Fließbandarbeiter trotz Schweißperlen permanent beten sollen?

Pater Willigis: Beten heißt nicht notwendigerweise, Worte zu formulieren. Man kann sein ganzes Leben als Gebet verstehen. Hier und jetzt bin ich und jeder Mensch eine Ausdrucksform dessen, was wir Gott nennen. Es gibt keinen anderen Grund für meine Menschwerdung: Ganz Mensch zu sein, ist meine Aufgabe. Mein Menschsein an sich ist Verehrung Gottes. Gott möchte in mir zu dieser Zeit, an diesem Ort, in dieser Gestalt als Mensch über diese Erde gehen.

Funktioniert Kontemplation nicht nur im Kloster? Sie haben es in der Abtei doch relativ einfach. Wie nehme ich denn diese positive Energie aus der Stille mit in den turbulenten Alltag?

Pater Willigis: Die Welt muss nicht abgeschottet sein. Es hängt von unserer Grundeinstellung ab. Wenn ich mich als Gestaltwerdung dieser Urwirklichkeit – die ich Gott nenne – verstehe, gibt es keine Trennung zwischen Gott und Welt. Dann ist auch meine Arbeit Gottesdienst. Seitdem wir Geist haben, sind wir „Kokreatoren“ geworden. Es wird Zeit, dass wir den Dualismus überwinden, der unsere westliche Welt prägt.

Warum der Boom, dass viele erschöpfte Manager ins Kloster zu Einkehrtagen kommen? Zieht der reine Gottesglaube mit klassischer Liturgie der Kirche nicht mehr?

Pater Willigis: Zeiten der Besinnung und liturgischer Gottesdienst sind nicht das Gleiche. Beides hat seinen eigenen Platz. Die Vertiefung des Gottes- und Weltverständnisses braucht Ruhe und Zeit. Die Ruhe ordnet, harmonisiert und heilt. Das ist die Erkenntnis aller religiösen Traditionen. Man muss sich Zeit nehmen – wir nehmen sie uns für die körperliche Wellness.

Wir brauchen auch eine „spirituelle Wellness“. Der Mensch ist ein Leib-Geistwesen. Zur Deutung seines Lebens braucht er mehr als nur Muskeltraining und „Fun“.Sehnsucht nach erfülltem Leben haben sicherlich viele. Östliche Weisheiten aus dem Christentum, Erleuchtungen aus dem Fernen Osten. Was suchen denn die Menschen Ihrer Erfahrung nach?

Pater Willigis: Viele sind auf der Suche nach religiöser Erfahrung, um ihr Leben zu deuten. Es gibt ein Urwissen in jedem Menschen und eine Sehnsucht, den Sinn des Lebens zu finden. Aber er liegt nicht in einer rationalen Deutung. Man muss den personalen Rahmen übersteigen. Die Empfänglichkeitsanlage muss sich vergrößern, würde Meister Eckhart sagen. Das suchen die Menschen auf dem spirituellen Weg.

Sie sind nun 81 Jahre alt, strahlen eine blühende Lebensenergie aus. Woher kommt das?

Pater Willigis: Leben ist mehr als mühevolle Arbeit. Es gibt viele Möglichkeiten, sich z. B. für die Mitmenschen einzusetzen. Geben bereitet Freude, dem der gibt und dem der nimmt. Ich versuche, den Menschen eine Sinndeutung für ihr Leben zu geben – und sie auf einem Weg nach Innen zu begleiten. Dort liegen die eigentlichen Antworten auf unsere Lebensfragen. Dort liegt auch ein Bereich, der jung und alt nicht kennt.

Haben Sie Angst vorm Tod? Auch Buddhisten haben Angst vorm Tod, keinem Fegefeuer aber schlechter Wiedergeburt…

Pater Willigis: Eine Fortsetzung dieses personalen Lebens findet nicht statt. Ich glaube daher auch nicht an Hölle und schlechte Wiedergeburt. Das Leben selber geht weiter. Wie es weiter geht, kann niemand sagen. Aber von einem bin ich überzeugt: Dieser letzte Urgrund, den wir Gott nennen, ist Liebe. Mein tiefstes Wesen, mein göttliches Wesen, wie wir Christen sagen, wird nicht vergehen. Drum lasse ich mich in diese Liebe fallen. Das nimmt alle Angst.

Glauben Sie an einen Gott, der uns mit Hirn, Herz und Hand liebt, in unserer Arbeit begleiten möchte?

Pater Willigis: Was wir Gott nennen, ist ein Wirklichkeit, die wir rational nicht begreifen können. Man kann zu dieser Wirklichkeit beten, ohne sich personale Vorstellungen zu machen. Man kann sich aber auch einfach in diese Wirklichkeit hinein öffnen, wie die Welle sich zum Ozean hin öffnet und ihre Einheit erfährt. Und das ist mein Gebet.

Brauchen wir einen modernen „Religionsmix“ oder mehr Konturen des christlichen Glaubens? Diese Frage stellten wir auch in der Serie über Management

Pater Willigis: Wir brauchen keinen Synkretismus. Jede Religion soll in ihrem Bekenntnis bleiben – sich aber so wandeln, dass es für die Menschen der betreffenden Zeit hilfreich ist. Alle Religionen verweisen auf die eine letzte Wirklichkeit. Es kann immer nur die gleiche Wirklichkeit erfahren werden. Lediglich das Beschreiben dieser Erfahrung ist der jeweiligen Kultur, der Zeit und dem Bildungsstand des Menschen angepasst.

Margot Kässmann warnte mal vor einer „Wellness-Spiritualität“. Der Dalai Lama begeistert Menschenmassen. Ist das Christentum zu anstrengend geworden?

Pater Willigis: Auch Benedikt der XVI. begeistert viele Menschen. Deswegen werden nicht mehr Menschen in die Kirche kommen. Nur wenige Menschen sind auf dem Zenweg und noch weniger werden Buddhisten. Der Buddhismus als Religion verliert genau so Anhänger wie das Christentum. Es gibt heute viele Menschen – und es sind gerade Intellektuelle – die eine neue Deutung ihres Lebens suchen. Konfessionen sind ihnen zu eng, ihre Aussagen nicht mehr kompatibel mit ihrem Weltverständnis.

Wie gestresste Manager und Mitarbeiter das besser hinbekommen, Eins zu werden?

Pater Willigis: Geh den Weg nach Innen! Die meisten Menschen leben nur die Hälfte der Möglichkeiten, die das Leben bietet. Sie kennen nur die Oberfläche. Das Leben hat aber Tiefe. Man sollte sich über das Leben nicht beschweren, wenn man immer nur in der falschen Richtung sucht. Lösungen und Deutungen liegen in unserem Innern.

Wer sich auf den Weg nach Innen macht, findet das wirkliche Leben. Das sagen alle Weisen dieser Erde. „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben“, sagt Jesus. Aber er sagt auch zu Nikodemus: „Du musst wiedergeboren werden.“ Wir müssen also diese andere Ebene des Menschseins entdecken und leben, die wir zeitloses Leben nennen.

Sichtweise! Jan Thomas Otte hält eine „transkonfessionellen Spiritualität“, wie Pater Willigis es nennt, für eine theologische Idee. Suchenden heute Antwort auf ihre drängenden Fragen geben. Und das mit dem Erfahrungsschatz der östlichen und westlichen Weisheit…

Artikelbild: © Willigis Jäger/ Koether

11 Kommentare

  1. Schönes Interview!
    „Wir brauchen keinen Synkretismus. Jede Religion soll in ihrem Bekenntnis bleiben – sich aber so wandeln, dass es für die Menschen der betreffenden Zeit hilfreich ist.“

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