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Kind und Karriere verbinden, das geht. Oder etwa nicht? Frühzeitig soll eine gesunde Erziehung der Kleinen unterstützt werden…

[dropcap]H[/dropcap]äufig stehen diese mitten im Berufsleben. Christine Burghardt engagiert sich ehrenamtlich. Sie drückt auf den Klingelknopf bei Familie Hansen, im Stadtteil Köln-Müngerdsorf. Die 60jährige geht die Treppen des Reihenhauses hoch. Wohin genau, weiß sie nicht – nur, dass ein Baby geboren wurde.

Das Besondere am KiWi-Projekt ist, dass die Begrüßungsbesuche von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausgeführt werde. Ihre Aufgabe: „Familien beglückwünschen, Informationen bringen, aus denen ersichtlich ist, welche Angebote es für Familien gibt“, sagt Tina Herzberg, Koordinatorin des KiWi-Projekts vom Jugendamt der Stadt Köln.

Rund sechs Wochen nach der Geburt bekommt nun jede Familie mit Nachwuchs im Kölner Stadtgebiet Besuch von Ehrenamtlichen

So wünscht es sich die Stadt. Ein Jahr wurde geplant und ausgebildet. Nun will sie den Eltern Mut machen, den Babys „so richtig willkommen sagen“, sagt Burghardt. Angekommen folgt ein nettes Händeschütteln – und die Frage, wie es dem Kleinen geht. Ole ist schon 8 Wochen alt, schmiegt sich an die Schulter seiner stolzen Mama.

Sigrid Hansen, 45 Jahre alt, hält ihren kleinen Zappelphilipp im Arm. Oles Windeln müssen gewechselt. Christine Burghardt kommt gleich mit, tippt das Marienkäfer-Mobilee an. Ole scheint das zu mögen. Sie will gerne anpacken, soweit sie kann. Am Besten selbst gucken in einem dreimenütigen TV-Film von Karriere-Einsichten:

Schnelle Hilfe ist selbstverständlich

Herumstehen und wieder gehen liegt der Ehrenamtlichen nicht, die selber Mutter von zwei erwachsenen Kindern ist. Sie freut sich, im Projekt „KiWi“ so etwas wie eine Oma zu sein. Burghardts eigene Kinder wollten keine Enkel zeugen.

Die forschen lieber nach Meeresschildkröten in Australien. Ole indes ist frisch gewickelt. Die Ehrenamtliche und Frau Hansen sitzen nun bei einer Tasse Kaffee in der Küche. Helfer wie Christine Burghardt wollen den Kleinen und ihren Eltern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Dann geht es auch schon weiter, auf zum nächsten Besuch. Man will sich nicht aufdrängen, aber Präsenz zeigen. Eine weitere Familie steht auf Burghardts Plan. Ihr Tagesablauf ist wenig spektakulär, aber wichtig: Auf den Klingelknopf drücken, Willkommen sagen, Hände schütteln. In die Wohnung reingehen, das Kind bewundern. Diesmal ist es ein Mädchen, rund 4 Wochen alt. Wie Burghardt gibt es viele passionierte Großmütter:

Christine Burghardt überreicht ein kleines Willkommenspaket…

Das Babyschwimmen ist für die Mutter interessant. Kinderarzt, Babygymnastik und Krabbelgruppe hat sie bereits gefunden. Teilzeit-Oma Burghard streichelt dabei auch den Hund, spricht mit den anderen Geschwisterchen. Die Mama und sie freuen sich über diesen Besuch. Zudem wünscht sie sich ein stärkeres Bewusstsein für Kinder in der Stadt: „Morgens beim Bäcker geht’s schon los.

Die Kunden werden schnell ungeduldig, wenn sich meine Kids Brötchen aussuchen wollen“. Das Einsteigen in die Straßenbahn oder Spielen auf den Grünflächen kommt dazu.

Kinder würden zuviel Lärm machen – für Leute, die dafür kein Verständnis haben. Hier zu einer Umfrage unter jungen Erwachsenen.

Sieben Träger, darunter Kinderschutzbund, Rotes Kreuz, die Kirchen und weitere Sozialverbände kümmern sich darum, dass Köln kinderfreundlicher wird. Die Kliniken leiten die Daten, welche das Jugendamt der Stadt Köln braucht, weiter.

Dies wiederum schickt eine anonymisierte Liste an die Träger mit ihren rund 200 Ehrenamtlichen weiter. Die Familien sehen Christine Burghardt als Ehrenamtliche vom Roten Kreuz, keine Kontrolleurin mit Notizzettel und Aktentaschen.

Vorm Besuch wird den Familien schriftlich ein Termin vorgeschlagen. Die Familie muss sich melden, wenn ihnen der Besuch nicht recht ist. Absagen werden respektiert.

Bei Nichtantreffen der Eltern ohne Absage wird weiter versucht, Kontakt aufzunehmen, sagt Burghardt. Zusätzlicher Türöffner für den Besuch, der nach dem Wunsch der Träger ausdrücklich kein Kontrollbesuch sein soll, sind die kleinen Geschenke.

Darunter Zahnbürsten, Buntstifte und Schlabberlätzchen.Bei allem Wunsch zur Prävention: Die Babybesuche in der Stadt sollen nicht prüfen, ob mit dem Kind alles in Ordnung ist. Mit der intensiveren Vorsorge wollen die Träger erreichen, dass diese Kontrolle quasi „überflüssig“ wird, so Klaus-Peter Völlmecke vom Jugendamt. Bisher ist im Willkommenspaket nur Informationsmaterial mit Telefonnummern.

„Die Besuche durch die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind einmalige Besuche. Der Besuch kommt dadurch zu Stande, dass den Familien ein KiWi-Besuch angeboten wird“, sagt Tina Herzberg. Die Koordinatorinnen vergeben die Termine. Ehrenamtliche erhalten ausschließlich zum Zweck des Besuches die Adresse der Familie. Telefonnummern der Familien liegen nicht vor.

In Ausnahmefällen melden sich Familien persönlich und hinterlassen eine Nachricht mit Bitte um Rückruf. Diese Rückrufe werden selbstverständlich von den Fachkräften getätigt, die für die Koordination des jeweiligen Kölner Bezirkes zuständig sind.

Apropos, warum bekommen die Deutschen eigentlich so wenige Kinder? Wir haben uns mal im Kölner Stadtpark umgehört.

Initiative war dank privater Spenden möglich…

Darauf stieg die Stadt bei der Finanzierung des Kinder-Projekts ein und organisiert die verschiedenen Träger unter einem Dach. Erfahrene Profis haben die Ehrenamtler geschult, um auch sozial schwächeren, alleinerziehenden oder geschiedenen Eltern den Rücken zu stärken.

Klaus-Peter Völlmecke sucht weitere Paten, die bereit sind, nach einer 45-stündigen Ausbildung (zeitlich und örtlich flexibel) sich etwa zehn Stunden im Monat für junge Familien zu engagieren, indem sie Neugeborene etwa sechs Wochen nach der Geburt willkommen heißt.

Bei ungefähr 10 000 Geburten in Köln pro Jahr kommen damit auf jeden Ehrenamtler und jede Ehrenamtlerin vier Hausbesuche pro Monat zu. Experten schätzen, dass fünf Prozent der Familien bereits bei Geburt professionelle Hilfe brauchen.

… samt viel Behörden-Deutsch zum guten Zweck

Im November 2007 hatte der Rat der Stadt Köln das Modul „Begrüßungsbesuche“ beschlossen. Grundlage für die Ratsvorlage war das KiWi-Konzept, das, finanziert durch Gelder von „wir helfen“, entwickelt wurde. Mit dem Ratsbeschluss wurde auch die Finanzierung des Konzeptes festgelegt.

Die Begrüßungsbesuche werden von der Stadt Köln finanziert. Die Schulung der ersten Ehrenamtlichen umfasste ca. 45 Stunden und fand im Frühjahr 2008 statt. Seither werden zwei Mal jährlich Schulungen für KiWi-Ehrenamtliche angeboten.

Heute umfassen die Schulungen 30 Stunden. Zu Beginn der KiWi-Besuche bestanden die KiWi-Präsente aus einem Paar hochwertiger Babysöckchen und einem Gutschein der Kölner Philharmonie für ein Babykonzert. Seit Februar 2009 wird KiWi neben der Philharmonie noch vom 1. FC Köln, dem Kölner ZOO, dem Festkomitee Kölner Karneval und der RheinEnergie gesponsert. Dadurch haben sich die Präsente dann verändert.

Ein Projekt in Zusammenarbeit der Stadt Köln von verschiedenen Trägern wie Kinderschutzbund und DRK.

Sichtweise! Jan Thomas Otte denkt weiter darüber nach, wie man Kind und Karriere am Besten miteinander verbindet. Vorausgesetzt man will das so. Bis dahin engagiert er sich im Kinderschutzbund. Neuestes Projekt: Ein Kurs für Babysitter…

Artikelbild: © Jan Thomas Otte

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Jan Thomas Otte ist chronisch neugierig. So studierte er Theologie - der Weg zum Pfarrer, machte eine Journalistenausbildung und dann zog es ihn in die weite Welt, ins Geschäft einer internationalen Beraterfirma. 2010 gründete er diese "Karriere-Einsichten"...

2 Kommentare

  1. […] Aber der neue Pakt der Generationen soll das Rentensystem nicht nur finanziell stabilisieren, indem einerseits mehr Beitragseinnahmen generiert werden und andererseits die Leistungen später beginnen. Das ist sinnvoll und notwendig, aber der entscheidende Schritt greift viel weiter. Er zielt auf eine vierte Säule für das System der Altersvorsorge in Deutschland – neben der gesetzlichen Rente, der Betriebsrente und der privaten Vorsorge. […]

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