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Kirchenglocken läuten keine, auch die Orgel spielt nicht. Aber es gibt Bänke, Altar und viele Wandmalereien. Ein Dutzend Menschen über Kopfhörer und Mikrofon…

[dropcap]A[/dropcap]uf dem Bildschirm wächst die Kirche gegen den Trend. Virtuelle Glaubensboten erreichen mit Evangelium und Avatar neue Zielgruppen.

Nicht zum Gottesdienst am Morgen, sondern zur Komplet um 22 Uhr, dem kirchlichen Abendgebet, treffen sie sich am Sonntag und unter der Woche – im Internet. Manche hören nur zu, tippen auf der Computertastatur ihre Gebetsanliegen, bekreuzigen sich am Schreibtisch zu Hause.

Jeder betet für sich, aber doch gemeinsam vor Gott. Die Betreiber der Online-Kirche bieten für interessierte Nutzer Seelsorge, Bibelarbeiten und Gebetsgemeinschaften an. Seit einem Jahr lädt das katholische Erzbistum Freiburg in der Internet-Welt von „Second Life“ in die virtuelle St.-Georgs-Kirche ein.

Als Avatare, selbst gestalteten menschliche Computerfiguren, bewegen sie sich durch die virtuelle Welt des „Second Life“ (zweites Leben), die seit 2003 verfügbar ist.

Avatare beten und clicken auf der Kirchbank

Zwischen acht und 14 Nutzer loggen sich in den Abendstunden ein und besuchen St. Georg. Als Avatare, selbst gestaltete menschliche Computerfiguren, bewegen sie sich durch die virtuelle dreidimensionale Welt des Second Life (zweites Leben), die seit 2003 verfügbar ist.

„Viele kommen aus der Region. Aber auch Schweizer und Nordfriesländer sind mit dabei“, sagt Projektleiter Norbert Kebekus. Auch habe es schon manche US-Amerikaner in die Online-Kirche verschlagen, die „einfach mal neugierig“ gewesen seien.

Einzigartiges Networking im deutschen Sprachraum

Ein regelmäßiges Angebot wie das der virtuellen St.-Georgs-Kirche aber gab es noch nie im deutschsprachigen Raum. Der Bibelkreis trifft sich zweimal im Monat mittwochs, zweimal die Woche gibt es ein gemeinsames Abendgebet. „Wir wollen keine Konkurrenz zum Gottesdienst im echten Leben sein“, sagt Kebekus.

Der Seelsorger und sein Team sehen ihre Aufgabe darin, Angebote der Ortsgemeinden zu ergänzen. „Wir spenden keine Sakramente, auch kann ich keinen Avatar taufen“. Aber sie suchen nach Gott im Netz.

Online-Gemeinde wächst mit mehreren Generationen

In der Online-Kirche treffen sich die Christen und Suchende zwischen 20 und 72 Jahren.

„Wir teilen unseren Glauben mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen“, sagt der 50-jährige Kebekus. Er selbst hätte seinen Avatar gerne etwas älter gestaltet, aber „im Second Life gibt es leider keine Falten“.

Ende 2010 will der Betreiber des Pilotprojekts „Kirche in virtuellen Welten“, die Erzdiözese Freiburg, über ein längerfristiges Engagement entscheiden. Bis dahin möchte Kebekus das Grundstück im „Second Life“ ausbauen, mit anderen Portalen vernetzen und manche technische Hürde seiner Besucher noch meistern.

St. Georg gibt es ja auch im realen Leben in Oberzell am Bodensee. Die Gründer haben sich diese Kirche ausgesucht, weil sie weit hinaus über die Region als Weltkulturerbe der Klosterinsel Reichenau bekannt sei. Hinzu käme, dass die mittelalterlichen Wandmalereien im Internet einfacher nachzubauen gewesen seien als beispielsweise Wandfiguren im Freiburger Münster. Apropos, moderner Kirchenbau in Deutschland:

„Damit wollen wir eine Spannung zwischen ganz altem Bau und neuen Medien schaffen. Für uns ist das kein Gegensatz“, erklärt Norbert Kebekus die christliche Glaubenstradition von zwei Jahrtausenden. Er ist ein Fan von Sakralbauten aus der Romanik und Gotik. Bereits im achten Jahrhundert gründete der Heilige Pirmin Klöster am Oberrhein und ist heute Schutzpatron der Insel.

Auf der Reichenau sei „die Welt noch in Ordnung“, sagt Kebekus, während anderswo seiner Kirche die Mitglieder weglaufen. Er gehe zwar nicht von Haustür zu Haustür, wolle aber trotzdem wie der Klosterstifter Pirmin evangelisieren.

Im vergangenen Herbst haben sich die Nutzer des Kirchenprojekts erstmals auf der Insel getroffen, im realen Leben, nicht nur virtuell. „Wir sind eine echte Kerngemeinde, eine Community“, sagt Internet-Seelsorger Kebekus. Zwischen acht und 14 Nutzer loggen sich in den Abendstunden ein:

Theologie für Interessierte, gelebter Glaube für jedermann

Die virtuelle St.-Georgs-Kirche bietet auch theologische Themenabende an.

Kürzlich ging es um „Himmel und Hölle“. Über das Fegefeuer zu reden, das widerspreche doch dem Vorurteil, im Netz könne man nur seichtere Fragen beantworten, urteilt Kebekus. Er will dem Nächsten dienen, Zeugnis für Jesus Christus sein und die frohe Botschaft verkünden: „Wir sind nicht irgendein Kuschelklub im Netz.“

Einige Ortsgemeinden brechen dorthin auf, wo sie noch unerreichte Zielgruppen vermuten. Es geht weniger um Traditionen des Abendlandes. Aktives Mitmachen steht für die badischen Glaubensboten im Vordergrund: Gebet, Bibel-Lese und Beichte.

Hohe Personalkosten blockierten andere Projekte

Sakralbauten gibt es viele im Netz, so ist etwa die evangelische Berliner Marienkirche im Second Life nachgebaut. Im August 2008 war dort zwei Wochen lang ein Vikar als Avatar online.

„Für eine längerfristige Arbeit fehlten uns aber das Geld und die nötigen Mitarbeiter“, sagt Ralf Peter Reimann, damals Internet-Beauftragter für die Evangelische Kirche in Deutschland.

Eine Kirche in virtuellen Welten hält er aber für sinnvoll und zeitgemäß: „Wir haben so Menschen erreicht, die sonst nicht den Weg zum Pfarrer in ihrer Offline-Welt gefunden hätten.“

Verlinken mit Netzwerken

Auch in den sozialen Netzwerken des Internets wird das Projekt umworben. „Viele kommen aus der Region. Aber auch die Schweiz und Nordfriesland sind mit dabei“, sagt Kebekus.

Auch habe es schon manche US-Amerikaner in die Online-Kirche verschlagen, die „einfach mal neugierig“ gewesen seien. Behinderte, die es körperlich nicht in die nächste Kirche schaffen, kämen ebenfalls gerne.

In der Online-Kirche treffen sich Gläubige und Suchende zwischen 20 und 72 Jahren. „Wir teilen unseren Glauben mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen“, sagt der 50-Jährige.

Er selbst hätte seinen Avatar gerne etwas älter gestaltet, aber „im Second Life gibt es leider keine Falten“.

Sichtweise! Jan Thomas Otte findet es spannend, dass auch mittelalterliche Gebäude im Internet glänzen können. Fehlt nur noch, dass wirklich alle Kirchenbänke dann auch besetzt sind…

Artikelbild: NN/ Erzbistum Freiburg

4 Kommentare

  1. Ein interessanter Versuch! In vielen Bereichen des heutigen Lebens ist das Internet auf dem Vormarsch und wird immer wichtiger. Warum sollte man sich also nicht auch in diesem Bereich so präsentieren?
    Schadr nur, dass es im Moment noch an Mitarbeitern mangelt. Ich hoffe der Erfolg wird dazu beitragen, dass man dieses Engagement noch verstärkt. Es könnte ein erfolgreicher Weg sein gerade wieder mehr jüngere Menschen zu erreichen.

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